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Der Steinkauz

Schönn, S., W. Scherzinger, K.-M. Exo & R. Ille (1991): Der Steinkauz. Die Neue Brehm-Bücherei 606, A. Ziemsen Verlag, Wittenberg Lutherstadt. ISBN 3-7403-0240-2, 237 S., 139 Abb., 28 Tab. und 2 Farbtafeln.

In unserer Zeit ist eine derartige Monografie gerade zum Schutz dieser stark gefährdeten Vogelart außerordentlich wichtig. Besonders erfreulich ist, dass sie von einem so erfahrenen Team verfasst wurde; denn jeder der vier Autoren, deren Arbeitsgebiete sich nahtlos ergänzen, hat selbst wissenschaftlich über den Steinkauz gearbeitet.

Das reichhaltig bebilderte Buch ist in 15 Kapitel gegliedert und beginnt mit einem kurzen Abriss über die den Steinkauz betreffenden kulturgeschichtlichen Belege, die bis in das 7. Jahrtausend v. Chr. zurückreichen. Das Kapitel "Systematik und Verbreitung" beschreibt die weltweite Verbreitung der Gattung Athene. Für die bis Nordafrika und Fernost verbreitete Art A. noctua ist wichtig, dass Deutschland bereits an der nördlichen Verbreitungsgrenze liegt. Recht gut kommen in diesem Abschnitt auch die methodischen Schwierigkeiten bei der Abgrenzung von Unterarten zum Ausdruck. Eine wertvolle Referenz für künftige Inventuren in Deutschland können die graphisch dargestellten Ergebnisse einer Rasterkartierung bilden. Mit vielen (und zum Teil bisher unveröffentlichten) Details werden im Kapitel "Morphologie, Anatomie, Physiologie" Gefieder und Mauser, Körpermaße und -gewichte sowie anatomische und physiologische Besonderheiten beschrieben. Kurz und bündig werden die erprobten Beobachtungs- und Nachweismethoden zusammengefasst und mit hilfreichen Querverweisen auf andere Kapitel sowie die Originalliteratur versehen.

Das Kapitel "Habitat" ist eines der umfangreicheren: Neben sehr instruktiven Bildern über weltweite Brutbiotope dieser Art enthält es auch eine quantitative Zusammenstellung der Nutzung verschiedener Bruthabitat-Typen (Tabelle 5, S. 58), leider ohne Informationen über das entsprechende "Angebot" solcher Typen. Denn auch die Diskussion beugt nicht dem weit verbreiteten Glauben vor, dass ohne diese Angaben aus einer solchen Tabelle wenig über die Habitat-Präferenzen einer Art zu erfahren ist.

Im Kapitel "Ernährung" ist zunächst sehr anschaulich die wissenschaftliche Analyse des Beutefangverhaltens illustriert. Verschiedene Methoden und Ergebnisse der Beutelisten aus vier europäischen Gebieten werden in Form von Häufigkeitstabellen gegenübergestellt. Aus italienischen und französischen Populationen wurden Vergleiche zwischen Jahreszeiten und Beutetiergruppen übernommen. Eine Beschreibung des Fressverhaltens sowie quantitative Angaben zum Nahrungsverbrauch und der Ergebnisse und Probleme von Gewölleanalysen runden dieses Kapitel ab. Einen guten Einblick in die Aspekte der Aktivitätsperiodik und ihre wissenschaftlichen Methoden gibt das Kapitel zur "Tages- und Jahresperiodik". Emotional motiviert wird der Leser vom Kapitel "Verhalten", in dem die verschiedenen Körperhaltungen, Ruhe und Schlaf sowie zur Regelung inner- und zwischenartlicher Beziehungen beschrieben wird. Relativ breiten Raum nimmt das Kapitel über "Lautäußerungen" ein, in dem das Laut-Repertoire - auch anhand von Sonogrammen - ausführlich beschrieben wird.

Das umfangreichste Kapitel befasst sich mit der "Brutbiologie" des Steinkauzes: Es beginnt mit einer wiederum sehr ansprechend illustrierten Beschreibung der weiten Palette von Brutplatztypen dieser Art. Sowohl zu Eiablage und Eimaßen als auch zu Gelegegrößen werden quantitative Angaben gemacht, wobei die angestellten Vergleiche zwischen Unterarten bzw. Populationen methodisch etwas problematisch sind. Denn Effekte der Stichprobennahme und Altersabhängigkeit mussten vernachlässigt werden. Ein kurzer Hinweis auf diese Problematik wäre hier angebracht gewesen. Zur Brut schließlich werden quantitative Angaben zu Beginn, Dauer und Verhalten sowie Schlupfdatum, Nestlings- und Führungszeit gemacht. Etwas kurz scheint der Abschnitt über den Bruterfolg geraten zu sein. Denn diese - für den Artenschutz sehr wichtige - populationsbiologische Kennzahl hätte sicher mehr als eine halbe Seite Text verdient schon allein, um zu einer künftig einheitlicheren Definition und Datenerhebung beizutragen. Im Kapitel "Jungendentwicklung" wird die Chronologie der Gewichtszunahme sowie des Verhaltens- und Stimmrepertoires während der Nestlingszeit beschrieben. Vergleiche mit anderen Arten ergaben eine weitgehende Übereinstimmung innerhalb der Gattung Athene. Alle lebenswichtigen Verhaltensweisen sind in ihrem Grundmuster "angeboren" und brauchen nicht trainiert zu werden.

Das Kapitel "Populationsbiologie" fasst publizierte Daten zusammen, die in langjährigen Untersuchungen erhoben wurden. Es ist unterteilt in die Abschnitte Siedlungsdichte, Aktionsraum- und Reviergröße, Ortstreue und Abwanderung, Mortalität und Populationsregulation. Wegen der enormen Bedeutung für die Dynamik und den Schutz dieser Art, hätte man sich eine etwas weitergehende Diskussion dieser Aspekte einschließlich der Probleme bei der Datenerhebung gewünscht. Zum Arbeitsgebiet der Populationsbiologie zählt neben den angesprochenen demografischen und populationsökologischen Aspekten definitionsgemäß auch die Populationsgenetik. Allerdings gibt es über den Steinkauz hierzu keine einzige Publikation. Das Kapitel "Natürliche Feinde" listet kurz und mit zahlreichen Literaturhinweisen die Feinde sowie Krankheiten und Parasiten des Steinkauzes auf.

Im Kapitel "Rückgangsursachen" werden Habitatverluste, Biozide und Schwermetalle sowie Verkehr und Technisierung als Ursachen für den Bestandsrückgang postuliert und ganz kurz begründet. Das letzte Kapitel schließlich befasst sich mit "Biotop- und Artenschutzmaßnahmen": Darin wird zunächst wiederum die Sicherung des Lebensraums betont, wozu auch ein ausreichendes Angebot an natürlichen oder künstlichen Nistgelegenheiten gehört. Als denkbare Hilfsmaßnahmen werden zunächst die Möglichkeiten der Verlustminderung aufgezählt und abschließend vor allem die technischen Aspekte der Wiederansiedlung dargestellt.

Der Hinweis auf eine "vorläufige Version" im Vorwort lässt vermuten, dass sich die Autoren der einwendbaren Kritik bewusst waren. Jeder Leser wird Punkte finden, die sich verbessern ließen; dazu zählt auch, dass das wertvolle Literaturverzeichnis sehr schwer zu lesen ist. Autoren und Verlag ist besonders dafür zu danken, dass diese sehr umfangreiche Artmonografie verfügbar ist, in der das derzeitige Wissen über diese Art zusammengefasst wurde. Sie wird sicher sehr schnell zur allgemein anerkannten Standard-Referenz werden.

Karl Radler


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