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Wolfgang Scherzinger & Theodor Mebs Die Eulen Europas - Biologie, Kennzeichen, Bestände Kosmos-Naturführer, 416 Seiten, Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co. 2020, ISBN 978-3-440-15984-2, 88,00 Euro

Buch-Cover © Kosmos Verlag

Die dritte, überarbeitete und aktualisierte Auflage des schon nach Format und Umfang sowie mit dem Gewicht eines Uhumännchens beeindruckenden Buches entfaltet in sieben Kapiteln das Wissen über Biologie, Kennzeichen und Bestände der Eulen Europas. Zunächst beschreibt es auf annähernd 100 Seiten Lebensform und Formenvielfalt der Eulen als Evolutionsphänomen sowie Verhaltensweisen, Lebensstrategien und Lebensräume der 13 europäischen Eulenarten.

Auf weiteren 20 Seiten widmet es sich Erfordernissen und Maßnahmen des Eulenartenschutzes wie der Entschärfung von Unfallrisiken, dem Betrieb von Pflegestationen, dem Für und Wider und den Voraussetzungen von Wiederansiedlungsprojekten, dem Habitat- und Biotopschutz, der Rolle von Schutzgebieten und der Frage nach Auswirkungen klimatischer Änderungen auf die Lebensbedingungen der Eulen Europas.
Daran schließt sich auf fast 280 Seiten, wie in den Kapiteln zuvor unter Einbeziehung neuer Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis, die Vorstellung der europäischen Eulenarten mit einem Umfang von 13 bis 24 (durchschnittlich mehr als 21) Seiten je Art an. Diese Kapitel umfassen auf bewährte Weise gegliedert Informationen zu Kennzeichen, Unterarten, Verbreitung, Lebensraum und Streifgebiet, Bestandsverhältnissen, Verhalten und Stimme, Ernährung, Fortpflanzung, Ortswechsel, Gefährdung und Schutzmaßnahmen sowie sich der Eulenforschung stellende Fragen.

Eine Übersicht der Bestimmungsmerkmale der europäischen Eulenarten und jeweils komprimiert die Adressen internationaler und nationaler Vogelschutzorganisationen in 26 europäischen Ländern, ein Quellenverzeichnis der Bestandsschätzungen sowie ein Sachregister komplettieren das Buch. Das 1.215 Titel umfassende, aus Platzgründen bedauerlicherweise ausgelagerte Literaturverzeichnis steht zum Download bereit. So wurden der im Vergleich zur zweiten um 18 Seiten erweiterten Auflage faktisch weitere 16 Seiten Text und Abbildungen hinzugewonnen, so dass die Nachteile der Auslagerung leichter zu verschmerzen sind.

Ausgestattet ist das Buch mit zahlreichen detailgenauen Zeichnungen von typischen Positionen, Verhaltensabläufen und Mimik europäischer Eulen, 323 Fotos u. a. von Ästlingskleidern, Farbmorphen und Flugbildern, 15 aktualisierten Verbreitungskarten, 59 Tabellen u. a. mit aktualisierten Bestandsschätzungen zumeist für Bezugsjahre der laufenden Dekade für die Länder Europas mit dem Schwerpunkt Mitteleuropa und in Deutschland teilweise bis Bundeslandebene.

Für Deutschland liegen in einigen Roten Listen und den 2019 erschienenen Übersichten zur Bestandssituation der Vögel in Deutschland allerdings teils neuere Bestandsdaten, Gefährdungseinstufungen und lang- und kurzfristige Bestandstrends vor. Für die Länder Europas wären vergleichbare Angaben für einen Überblick hilfreich, wie sich die Bestände beispielsweise seit Erscheinen der ersten Auflage des Buches vor 20 Jahren bis heute entwickelt haben. Solche Informationen sollten sich dank der Berichtspflichten der Europäischen Union in den 27 Mitgliedsstaaten für diejenigen Vogelschutzgebiete gewinnen lassen, die eigens zum Schutz von Uhu, Schnee-Eule, Bartkauz, Habichtskauz, Sumpf-ohreule, Sperbereule, Sperlingskauz und Raufußkauz unionsrechtlich verlangt eingerichtet worden sind. Zudem wäre eine kartografische Darstellung dieser Gebiete interessant. Immerhin ist insbesondere in und mit diesen Gebieten der günstige Erhaltungszustand dieser Arten im Gebiet der Europäischen Union zu gewährleisten. Ein solcher Überblick würde allerdings mehr Platz als die jetzige halbe Buchseite über Schutzgebiete beanspruchen.

Entsprechendes gilt für eine Darstellung der übrigen Verpflichtungen, an welche Vogelschutz- und Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie seit 1979 bzw. 1992 die EU-Mitgliedsstaaten binden. Die auf diesem Gebiet vermutlich nicht nur in Deutschland bestehenden Vollzugsdefizite sind nicht auf die Artengruppe der Eulen beschränkt, sondern betreffen den Habitat- und Artenschutz in der Gesamtheit. Für eine Überwindung dieser Defizite muss stärker auf die Durchsetzung des Rechts gedrängt werden, das dazu gekannt und verstanden werden muss. Dieses Interesse und Verständnis muss bei den Akteuren des Natur- und Artenschutzes, insofern auch des Eulenschutzes, oft erst geweckt werden.

Vor allem die Ausführungen über die Biologie der Eulen sowie die Artkapitel lassen die Intensität, Vertrautheit und Hingabe erkennen, mit der die beiden Autoren über mehr als sechs Jahrzehnte Eulen beobachtet und erforscht haben. Das in jeder Hinsicht gewichtige Buch ist unbestritten das Nachschlagewerk, Hand- und Bestimmungsbuch für Menschen, die sich mit Eulen mehr als nur oberflächlich befassen möchten. Es vermittelt auf leichtverständliche und gestalterisch ansprechende Weise eine Fülle von – durchaus auch neueren – Erkenntnissen und Einsichten. Wissen, das für den Schutz einer Artengruppe genutzt sein will, die Menschen für den Naturschutz einnehmen kann, die ihm kritisch gegenüberstehen, aber für den Schutz der Natur im Ganzen gewonnen werden müssen – in Land- und Forstwirtschaft, Stadtplanung, Sportverbänden, Kirchenvorständen und in allen naturschutzrelevanten Politik- und Wirtschaftsbereichen.

Dies zu erreichen ist Sache der Akteure des Eulenschutzes in Naturschutzbehörden und -vereinigungen, die mit dem Wissen von Biologie, Bestand und Gefährdung und den Kenntnissen von Natur- und Artenschutzrecht Eulen zu ihrem Recht verhelfen und auf diese Weise an der Fortschreibung des Kapitels Eulenschutz in Politik und Gesellschaft beständig mitwirken müssen. Das Buch ist dafür nichts weniger als grundlegend.

Wilhelm Breuer


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