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Wir erhalten Lebensräume – Für unsere Eulen. Uhu – Vogel des Jahres 2005. Herausgegeben vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, 35 Seiten. Berlin 2005.

Eulen sind ein bemerkenswertes Evolutionsphänomen

Die Broschüre des Bundesumweltministeriums aus dem Jahr 2005 zum Eulenschutz (der Uhu war Vogel des Jahres 2005) ist es auch – aus mehreren Gründen:

Wann jemals in der fünfunddreißigjährigen Geschichte der Vögel des Jahres war ein solcher Vogel auf diese Weise oder überhaupt Gegenstand der Öffentlichkeitsarbeit einer Bundesregierung? Wichtiger als dieser bloße Ausweis für Aufmerksamkeit ist jedoch, dass die Broschüre dazu beitragen könnte, dem Uhu und allen zehn in Deutschland heimischen Eulenarten zu mehr Sympathie und Schutz zu verhelfen. Hierfür bietet das fünfunddreißigseitige Heft eine wichtige Voraussetzung: nämlich Sachinformation über Biologie, Lebensräume und Schutz - überaus anschaulich, ansprechend illustriert, leicht verständlich und bestens ausgerichtet auf das Informationsbedürfnis der breiten Öffentlichkeit.

Wichtiger noch: Die Informationen könnten ansatzweise auch Haltung und Handeln der Personen verändern, die über die Chancen von Uhus, Steinkäuzen, Schleiereulen usw. in Deutschland mitentscheiden: Land- und Forstwirte, Kirchenvorstände, Steinbruchbetreiber, Outdoorsportler und Kommunalpolitiker. Insoweit hat das Bundesumweltministerium seine Sache im Jahr des Uhus gerade mit der Ausweitung auf alle zehn Eulenarten in Deutschland gut gemacht. Auf diese Broschüre kann die Öffentlichkeitsarbeit von Naturschutzbehörden und -verbänden aufbauen: eulenart-, problem- und zielgruppenspezifisch. Ein Beispiel für solche Bemühungen sind die beiden Faltblätter von Naturschutzverwaltung und NABU in Rheinland-Pfalz: "Steinbrüche – Lebensraum für den Uhu" sowie "Baggerführer helfen jungen Uhus", die schon ein Jahr zuvor erschienen sind und in anderen Bundesländern nicht neu erfunden werden müssen.

Das Lob für den Bundesumweltminister findet aber Grenzen:

Ist der Verweis auf den Beitrag der fünfzehn deutschen Nationalparks mit weniger als einem Prozent der Landfläche der Bundesrepublik zur Erhaltung der zehn Eulenarten nicht geradezu irreführend? Z. B. brütet von den einhundert Uhupaaren der Eifel - dem Dichtezentrum der Art in Deutschland - nur ein einziges im Eifel-Nationalpark, der deshalb für den Uhu gerade nicht bedeutsam ist. Hätte nicht die offenkundig unzureichende Ausweisung Europäischer Vogelschutzgebiete der Bundesländer kritisiert, zumindest aber angemahnt werden müssen? Sollte der Bundesumweltminister den Schutz von Uhulebensräumen nicht auch und gerade vor den Interessen der Spaßgesellschaft stärken statt die Lösung von freiwilligen Vereinbarungen zu erhoffen?

Im Abschnitt "Eulen schützen - Der rechtliche Rahmen" wird niemand vollständige und ausführliche Rechtsvorschriften erwarten – wenigstens einen Hinweis auf die Eingriffsregelung des Bundesnaturschutzgesetzes aber schon, zumal sie den streng geschützten Arten (dazu zählen alle Eulenarten) seit 2002 ein hohes Gewicht in der Abwägung beimisst und deshalb ein wirksames Instrument des Artenschutzes ist oder - würde sie angemessen angewendet - sein könnte. Autoren und fünfköpfigem Redaktionsteam von BMU und BfN scheint das nicht nennenswert. Jedenfalls findet man zur Eingriffsregelung kein Wort. Stattdessen hält sich die Broschüre mit der Berner Konvention auf. Verständlich ist das nicht.

Warum spart die Broschüre ausgerechnet Windenergieanlagen als nachweisliche Gefahrenquelle für Uhus aus? Eine zugegeben eher rhetorische Frage angesichts der im Bundesumweltministerium bisher üblichen Idealisierung der Windenergiewirtschaft. Warum führt der Herausgeber für "Informationen und Kontakte" Verbände auf, die sich unter anderem, aber nicht nur oder vor allem mit dem Schutz von Eulen befassen, bemerkenswerter Weise aber die Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen e. V. nicht? Immerhin ist der Schutz der Eulen Schwerpunkt dieser Organisation. Zudem ist die erfolgreiche Wiederansiedlung des Uhus in Deutschland vor allem ihr Verdienst. Allerdings nimmt sich die Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen die Freiheit, das Eindringen von Windenergieanlagen in Uhulebensräume zu kritisieren.

Um diese Defizite und Schieflagen korrigiert und bei Verzicht auf den jetzt nicht mehr zeitgemäßen Zusatztitel auf dem Umschlag "Uhu - Vogel des Jahres 2005" (und vielleicht auch mit einem Titel, der Eulen nicht zu aller oder irgendjemandes Eigentum erklärt), könnte die Broschüre auch ein Beitrag zur Öffentlichkeitsarbeit der neuen Bundesregierung sein - sollte sie sich denn zum Naturschutz nicht weniger bekennen als die vorherige. Eine grundsätzliche Kritik bleibt: Der Blick auf die Vielzahl populärer steuer- oder spendenfinanzierter (zumeist weniger gelungener) Broschüren gleicher Zielsetzung anderer Institutionen und Verbände belegt erneut die mangelnde Koordination, fehlende Kooperation und unnötige Doppelung in der Öffentlichkeitsarbeit des Naturschutzes in Deutschland. Anzulasten ist das allerdings am wenigsten oder jedenfalls nicht allein dem Bundesumweltministerium.

Wilhelm Breuer
(aus: "Naturschutz und Landschaftsplanung" Heft 4/2006. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart)


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