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Adrian Aebischer: Der Rotmilan - Ein faszinierender Greifvogel

232 Seiten, 125 Farbfotos, über Grafiken, Karten und Tabellen, gebunden 19,90 (D) / 30,80 (A) / CHF 49,90, ISBN 978-3-258-07417-7

Der Rotmilan ist eine der imposanten und schönsten Vogelgestalten Europas. Mit seiner beachtlichen Größe, dem farbenprächtigen Federkleid und dem eleganten Flug fasziniert er viele Menschen, auch ornithologische Laien. Der Biologe Adrian Aebischer zeichnet das Portrait dieses Greifvogels mit aufschlussreichen und teils bisher unveröffentlichten Details über Fortpflanzung und Verhalten, Lebensraum und Nahrungsspektrum, Verbreitung und Bestand, Wanderungen und Überwinterung. Der Autor stützt sich dabei auch auf die Erkenntnisse, die er mittels der Satellitentelemetrie gewonnen hat. Ein Kapitel über die Gefährdung sowie mögliche Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung des Rotmilans zeigt auf, wie dem Rotmilan geholfen werden kann. Portraits der anderen mitteleuropäischen Greifvögel runden das reich bebilderte Buch ab.

Der Rotmilan brütet weltweit in nur etwa 25 Ländern. Sein Brutareal ist fast ausschließlich auf Europa beschränkt. Das macht den Rotmilan so verletzlich. In den letzten zehn Jahren haben zwar die Bestände in etwa zehn Staaten zugenommen. In den für die Art wichtigsten drei Staaten Deutschland, Frankreich und Spanien blieben die Bestände aber stabil oder nahmen ab. Im 19. Jahrhundert und bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der einst häufige Rotmilan massiv verfolgt, erschossen, vergiftet, wurden seine Nester geplündert. Nach einer Bestandserholung etwa zwischen 1970 und 1990 kam es in verschiedenen Regionen Europas erneut zu großen Verlusten. So geschah es etwa in Ostdeutschland, wo sich nach der Wiedervereinigung die Landwirtschaft auf das westdeutsche Niveau intensivierte, deswegen das Nahrungsangebot für Rotmilane drastisch abnahm und die Bestandsdichte zum Teil halbierte. In anderen Teilen Europas, so in der Schweiz, steig der Bestand. Der Autor geht den Gründen für die Zu- und Abnahme in den verschiedenen Regionen nach.

Dem Buch ist gerade in Deutschland eine große Verbreitung zu wünschen, denn 60 Prozent aller Rotmilane brüten in Deutschland. Genau genommen zwischen 10.440 und 13.100 Paaren. Deswegen liegt dort auch die Hauptverantwortung für den Schutz der Art in der Welt. In Deutschland ist der Rotmilan zwei besonderen Gefahren ausgesetzt: der wachsenden Zahl von Windenergieanlagen und dem zunehmenden Energiepflanzenanbau.

Bisher wurden 123 Rotmilane tot unter Windenergieanlagen aufgefunden (Stand 01.10.2009). Die tatsächliche Opferzahl dürfte viel höher sein. Die Anlagen werden nicht systematisch auf Opfer hin untersucht. Von 130 Rotmilanen mit bekannter Todesursache kamen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt - dem Dichtezentrum der Art in Deutschland - 29 Prozent an den Rotorblättern von Windenergieanlagen ums Leben. In Deutschland stehen 21.000 Windenergieanlagen. Jährlich kommen fast 900 Anlagen hinzu.

Der Energiepflanzenanbau führt zu einer drastischen Verknappung der für Rotmilane erreichbaren Nahrungstiere. Im rasch aufwachsenden Mais finden Rotmilane keine Beute. Der Energiepflanzenanbau hat mit 4.780 Biogasanlagen in Deutschland eine eigene Dynamik angenommen. Eine 500 kW-Anlage benötigt jährlich beispielsweise eine Maisanbaufläche von rund 250 Hektar. In Deutschland wuchs die Anbaufläche für Mais 2008 gegenüber dem Vorjahr um 11 Prozent und überschritt erstmals die 2 Mio.-Hektar-Grenze. Die Anbaufläche hat sich seit 1970 verfünffacht. In einigen Bundesländern stand Mais im Jahr 2009 auf einem Viertel der Ackerfläche.

Diese Sachverhalte werden beim idealisierten Blick auf die Erzeugung regenerativer Energien gerne übersehen. Das Buch über den Rotmilan gehört deswegen vor allem in die Hand der Menschen, die für diese Entwicklung verantwortlich sind, sich mit den Folgen ihrer Entscheidungen und Haltungen aber kaum befassen. Der Autor Adrian Aebischer hat einem der vielen gefiederten Opfer der Energiewirtschaft auf dem Feld mit präzisen Sachinformationen und bemerkenswert schönen Bildern ein Gesicht gegeben. Für jeden Leser dürfte das Buch ähnlich faszinierend, interessant und schön sein wie der Vogel selbst.

Wilhelm Breuer

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