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Komitee gegen den Vogelmord e. V., NABU Landesverband NRW e. V. & Nordrhein-Westfälische Ornithologengesellschaft e. V. (2010): Illegale Greifvogelverfolgung. Erkennen - Bekämpfen - Verhindern. Ein Leitfaden für Naturfreunde und Behörden. 32 Seiten.

Greifvögel sind in Deutschland streng geschützt. Wer sie fängt, vergiftet, abschießt oder sie auf andere Weise verfolgt, begeht spätestens seit 1977 eine Straftat. Wer glaubt, zu solchen Straftaten käme es 33 Jahren nach dem Verbot nur in Ausnahmefällen, verkennt die Lage. Tatsächlich werden jährlich zahlreiche Fälle illegaler Greifvogelverfolgung bekannt. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise sind in den letzten fünf Jahren 180 Fälle mit 360 Opfern dokumentiert worden. Betroffen waren 32 von 54 Kreisen und kreisfreien Städten. Die Dunkelziffer ist hoch. Die Opferzahlen sind bloße Zufallsfunde. Ausnahme ist nicht die Tat, sondern das Überführen und Verurteilen der Straftäter. Die von drei Verbänden herausgegebene Broschüre befasst sich insofern mit einem keineswegs überwundenen, auch nicht mit einem peripheren, sondern einem deutschlandweiten Problem des Vogelschutzes. Es betrifft auch Eulen, welche die Broschüre mal ausdrücklich mit anführt oder der Einfachheit halber stillschweigend mit einbezieht.

Die Broschüre widerlegt von verschiedener Seite gehegte Vorurteile über den Einfluss der Greifvögel auf andere Arten. Sie ist aber mehr als nur ein Beitrag zum Ökologieverständnis oder ein Plädoyer des Greifvogelschutzes. Sie ist vor allem das, was der Untertitel verspricht: Ein Leitfaden mit Hinweisen für Zeugen, Vogelschützer und Ermittlungsbeamte. Die Broschüre umfasst das dazu erforderliche Wissen: Erstens die artenschutz-, tierschutz- und jagdrechtlichen Bestimmungen, welche den Schutz der Greifvögel vor Verfolgung konstituieren (5 Seiten); zweitens die Indizien, welche das Erkennen von Verfolgungen und die Art der Verfolgung - Vergiftungen, Fang mit Fallen, Aneignung, Abschuss, Fällen von Nestbäumen - erleichtern (8 Seiten); drittens strategische und praktische Hinweise für Zeugen und Strafverfolgungsbehörden (3 Seiten). Wichtige Adressen und Telefonnummern etwa der Staatlichen Veterinäruntersuchungsämter und eine Liste von Pflegestationen für die erste Hilfe für Greifvögel in Nordrhein-Westfalen vervollständigen den Leitfaden. Zudem sind in einer Übersichtskarte die zwischen 2005 und 2009 festgestellten Fälle von Greifvogelverfolgung verortet. Auf diese Weise werden regionale oder lokale Brennpunkte der Verfolgung sichtbar, die verschärft beobachtet werden sollten.

Die Broschüre vermittelt alle diese Informationen fachkundig und zielsicher, zugleich für den juristischen und kriminologischen Laien verständlich und anschaulich. Sei nennt zudem die "üblichen Verdächtigen": In allen Fällen von Greifvogelverfolgung in Nordrhein-Westfalen, bei denen bisher ein Täter verurteilt oder verdächtigt worden ist, handelt es sich entweder um Tauben- und Geflügelzüchter oder um Jagdscheininhaber. Der nordrhein-westfälische Umweltminister hat deshalb den Aufruf zum Greifvogelschutz im Vorwort der Broschüre nicht grundlos gerade auch an diese Zielgruppen gerichtet. So viel ministerielles Standing möchte man den Greifvögeln allerdings auch in Bezug auf Gefährdungsursachen anderer Art wünschen - etwa vor der Windenergiewirtschaft. Die Statistik weist beispielsweise 57 Seeadler, 146 Rotmilane, 18 Schwarzmilane, 161 Mäusebussarde, 40 Turmfalken als Verluste an Windenergieanlagen in Deutschland aus (Stand 01.12.2010). Diese Verluste stehen dem Ausmaß illegaler Greifvogelverfolgung vermutlich nicht nach.

Naturschutzbehörden und -verbände außerhalb Nordrhein-Westfalens könnten zum Greifvogelschutz beitragen, würden sie diese Broschüre als Muster für eine Veröffentlichung für das Erkennen, Bekämpfen und Verhindern illegaler Greifvogelverfolgung in ihren Bundesländern verwenden. Zugleich könnten sie Doppelarbeit und die damit verbundenen Kosten für eine von Grund auf eigene Broschüre vermeiden. Länderspezifisch zu verändern wäre nur wenig. Im Unterschied zu der Vielzahl von Broschüren mit Naturschutzthemen ist diese nämlich nicht nur gut gemeint, sondern gut gemacht und darüber hinaus vermutlich bis auf unbestimmte Zeit erforderlich.

Die Broschüre finden Sie zum Download auf den Seiten des "Komitee gegen den Vogelmord e. V." unter diesem Link: Leitfaden Greifvogelverfolgung.pdf (pdf-Datei, ca. 1.9 MB).

Wilhelm Breuer

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