Seit Wochen beherrschen Schnee und Frost weite Teile Deutschlands – subjektiv gefühlt und objektiv gemessen. Klimaforschende zeigen sich vom Winter überrascht, wenn nicht gar „die Wissenschaft“ und natürlich die Deutsche Bahn. Der 1966 gestartete erfolgreiche Slogan der deutschen Bahngeschichte „Alle reden vom Wetter. Wir nicht!“ ist eine ferne Reminiszenz an ein anderes Deutschland. Unterdessen leeren sich die Gasspeicher. Nun soll hier nicht eine Gasmangellage beschworen werden, sondern die Rede sein von einer existentiellen Not ganz anderer Natur. Einer Notlage, die eher nicht ins öffentliche Bewusstsein dringt und dort allenfalls den Stellenwert einer Petitesse einnähme: Der Nahrungsmangel, dem mit jedem weiteren Frosttag und geschlossener Schneelage die schon aus zahllosen anderen Gründen dezimierten Vogelbestände ausgesetzt sind. Zu ihnen zählen nicht zuletzt die Schleiereulen auf dem Land, aber auch die in Bäumen und Baugruppen in Stadt und Land versammelten Schlafgemeinschaften überwinternder Waldohreulen.

Ihnen und anderen Mäusejägern böte sich eine größere Überlebenschance, wären unordentliche Grundstücke, vernachlässigtes Offenland, verwilderte Winkel und brachliegende Unkrautfluren nicht seit Jahren Mangelbiotope in einer restlos verzweckten maschinengerechten Produktionslandschaft, in der sich abgesehen von den wenigen Arten Nutzpflanzen zwischen ausufernden Baugebieten und unter Solar- und Windparks so ziemlich alles vom Acker macht, was für eine lebendige Umwelt von Nutzen sein könnte. Jetzt hätten gar die aus Umweltschutzgründen geschlossenen wilden Müllkippen ein Gutes.

Die aufrüttelnde Mahnung mancher Eulenschützer richtet sich in diesen Tagen mitunter an Landwirte, Schleiereulen Scheunen und Ställe zu öffnen. Allerdings fehlt es den Eulen trotz der klirrenden Kälte weniger an einer Wärmestube, sondern für den überlebenswichtigen Jagderfolg an Beute. Dazu bedürfte es der Mäuse, denn im Leben der Eulen dreht sich alles um die Maus. Für Mäuse aber wären ganzjährig oder zumindest bei Zeiten Nahrungs- und Fortpflanzungshabitat vonnöten. Wenigstens jetzt Plätze mit Druschabfällen, Körnern und anderem Mäusefutter. Mäuse lassen sich nicht so ohne Weiteres ins Dasein rufen. Dafür braucht es zeitlichen Vorlauf und wenigstens stellenweise naturnaher Flächen. Weshalb es mit dem gutgemeinten Öffnen von Scheunen nicht getan ist.

Früher lagerte darin das Getreide; es zog ganzjährig Mäuse in Hülle und Fülle an. Der Eulen wegen gab es in den Scheunengiebeln eigens Einflugöffnungen. Das rettete den Eulen das Überleben im Winter und schonte die Getreidevorräte. Heute lagert in den Scheunen der viehlosen Bauernhöfe nicht einmal leeres Stroh, sondern bloß Maschinen, Dünger und Biozide. Allein mit einer offenen Scheue und einem Schleiereulennistkasten darin lässt sich die Zeit der Eulen nicht zurückdrehen. Ohne die Maus ist das Eulenleben aus. Auch und gerade in den 255.000 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland. Die Landwirte produzieren was vom Verbraucher gefragt, vom Handel bezahlt und von der Europäischen Union gefördert wird. Schleiereulen sind in bestimmten Kreises vielleicht gefragt, aber nicht einkommensrelevant.