Liebe Uhufreundinnen und -freunde,
unsere Junguhus in der Burgruine beginnen nun mit ihren ersten Flugübungen. Noch benötigen sie erhöhte Startpositionen, um einige Meter fliegen zu können. In den nächsten Tagen werden sie die oberen Stockwerke wieder erreichen. Wie auch im vergangenen Jahr scheint die Burgruine ein Uhu-Schlaraffenland zu sein und auch zu bleiben.
Um die Aktivitäten der Uhus außerhalb der Ruine beobachten zu können, werden wir Cam 3 zum angemessenen Zeitpunkt wieder nach außerhalb der Ruine verlagern. Am Gerüst auf der Außenseite der Giebelwand stehen in den kommenden Wochen Arbeiten an – die Grundausbildung für Junguhus geht damit in die nächste Lektion.
Lotte ist Lotte und Leo ist Leo
Entgegen meiner Vermutungen konnten wir die Identität des Uhuweibchens vor Cam 1 und 2 eindeutig als die „originale“ Lotte bestätigen. Als Beleg dafür dient die Musterung der mittleren Schwanzfeder, und wir danken einer aufmerksamen Zuseherin für die Zusendung diesbezüglicher Belegfotos aus dem Stream. Auch der männliche Uhu am Brutplatz ist mit aller Wahrscheinlichkeit der langjährige Partner Leo. Beide zeigten in dieser Brutsaison im Jahresvergleich ein deutlich aggressiveres Verhalten den Waschbären gegenüber. Wir konnten mehrere heftige Attacken der Uhus auf die Kleinbären sehen. Lotte verpasste einem Kleinbären sogar einen derart heftigen Stoß, dass er abstürzte.
Einige Tage später hatten Lotte und ein Waschbär Blickkontakt auf wenige Meter Distanz und blieben dabei erstaunlich ruhig.
Burgfrieden
In den folgenden Tagen bemerkten wir bisher unbekannte Töne im Nestbereich der Uhus. Langsam wurde klar: Nur einen guten Meter oberhalb von Lottes Nistmulde befinden sich junge Waschbären in einer Felsspalte!
Zwischenzeitlich scheinen die beiden Muttertiere einen Burgfrieden ausgehandelt zu haben. Die Waschbärin sitzt oberhalb der Junguhus in ihrer Felsspalte und versucht nicht, die Junguhus zu erbeuten – auch nicht, wenn Lotte dutzende Meter entfernt ist.
Ein solches Verhalten zwischen diesen Arten wurde bisher nirgends beobachtet, schon gar nicht derart detailliert. Wie auch in der Burgruine leisten unsere Kameras wieder Pionierarbeit. Werden die beiden Junguhus diese gefährliche Situation wirklich überleben?
Keine Beringung an Lottes Brutplatz
Keinesfalls möchte ich durch eine mögliche Beringung von Lottes Junguhus die fragile Situation zwischen den Arten ungünstig durcheinanderbringen. Wir konnten beobachten, wie der Waschbärin die Nerven durchgingen, als Lotte und Leo mit viel Getöse gleichzeitig im Nest landeten: Sie startete eine kleine Attacke nach unten. Wie würde sie reagieren, wenn ich in unmittelbarer Nähe wäre? Wie schnell würde Lotte, nachdem ich sie verscheucht habe, zurück auf ihren Wachposten kommen?
Ich wünsche uns allen gute Nerven für die weiteren Beobachtungen und Lottes Familie das bloße Überleben.
Ihr Stefan Brücher

