Text und Bilder von Andrea Caviezel
März
2026
„Ich weiß was!“, sagt mein Freund Jonas. „Komm mit!“ Also trabe ich ihm erwartungsvoll durch den Wald hinterher. Er weiß nämlich, in welchem Wald und in welchem Baum ein Waldkauz seinen Tageseinstand hat! Nicht sehr nah am Dorf, aber auch nicht besonders weit weg sitzt der Waldkauz in seinem Tageseinstand, als hätte Jonas ihn dorthin bestellt. Sein stahlharter Blick trifft das Auge meiner Kamera und ich bin zutiefst beeindruckt. Ich habe vorher noch nie einen Waldkauz in seiner ganzen Schönheit gesehen und dieser hat auch noch ein wunderbar rötlich gefärbtes Gefieder. Jonas und ich schauen uns vorsichtig um. Der aristokratisch rote Waldkauz lässt sich davon nicht stören.
Ganz in der Nähe entdecken wir eine Buche mit einer alten Schwarzspechthöhle. Wir frohlocken.
April
2026
Noch einige weitere Male sehen wir den „Roten“ in seinem Tageseinstand sitzen. Heute nicht. Ich schaue mich um. Gehe tastend von hier nach dort. Und plötzlich – schauen mich zwei „Zwölf-Kaliber-Doppellauf-Augen“ an! Waldkauz schaut empört aus der Bruthöhle und fliegt davon! Oh, wenn er nur dort brüten würde!
April
2026
Heute bin ich etwas schläfrig und im Waldkauz-Wald ist es sehr still. Fast greifbar ist die Stille – füllt den Raum dazwischen. Ich kneife die Augen zusammen, blinzle. Da blitzt etwas Weißes am Rand der Bruthöhle. Atemlos schaue ich durchs Fernglas, verblüfft über mein unverschämtes Glück. Ein kleiner Waldkauz döst im Sonnenschein. Aufgeregt berichte ich Jonas: „Ich weiß was!“
April
2026
Durch regelmäßiges Beobachten versuchen wir, die Anzahl der Jungvögel und das ungefähre Alter zu bestimmen. Denn der ehrgeizige Entschluss, die Jungvögel zu beringen, ist gefasst. Ich bin mir sicher, dass es mindestens zwei kleine Käuze sind. Das Alter anzusprechen fällt mir schwerer. Ist doch immer nur ein winzig kleiner Teil der Jungvögel zu sehen. An einem Tag habe ich den Eindruck, so etwas wie einen Gesichtsschleier zu erkennen und etwas mehr als nur weiße Flaumfedern. Jetzt muss Stefan ran, denn die Bruthöhle liegt in einer respektablen Höhe.
April
2026
Stefan freut sich darauf, die Waldkäuze kennenzulernen. Ich bin in erster Linie aufgeregt, denn heute sollen die „Wäuzchen“ ihren Ring bekommen. Wir laden die Riesenleiter auf den Eulen-Landrover und rumpeln dem kleinen Abenteuer entgegen. Die Leiter steht perfekt und Stefan greift ins Ungewisse.
Auf der Fahrt erzählt er mir, wie er als Junge einmal unbedarft in eine Waldkauzhöhle gegriffen hatte und unter Schmerzen und Mühe versuchte, den todesmutigen Waldkauz, der mit aller Entschlossenheit versuchte, seine Hand umzubringen, wieder loszuwerden. Aber heute ist alles ganz anders, nämlich ganz wunderbar!
Drei junge Waldkäuze kommen sicher am Seil in dem berühmten Uhurucksack zu mir herunter. Die „Wäuze“ im Rucksack kneifen ihre Augen zusammen und sind „nicht da“. Beim Rausnehmen greifen sie nach meiner Hand und halten mich kräftig fest. Mir ist ein bisschen ehrfürchtig zumute. Wenn ich Enkel hätte, würde ich ihnen dieses Erlebnis auf jeden Fall erzählen – wieder und wieder.
April
2026
Fliegen umkreisen den Eingang der Bruthöhle, ansonsten ist es sehr still. Plötzlich ein Warnruf von einem Waldkauz-Altvogel! „Aber doch nicht wegen mir?“, denke ich. Ich gehe in Richtung des Warnrufes und schaue hoch in die Bäume. Ernst, schmal und flaumfeder-puschelig schaut mich ein Jungvogel an. Flügge! Sie sind raus!
April
2026
Jonas und ich wollen unsere flügge gewordenen „Wäuze“ noch einmal besuchen. Wir treffen uns im Waldkauz-Wald. Jonas war etwas früher da als ich und hat die Gegend nach den Jungvögeln erkundet. Er entdeckt die drei etwa 500 m weiter in einem ganz anderen Teil des Waldes. Ein Bussard hat ihn durch sein ungewöhnliches verleitendes Verhalten auf die Jungvögel aufmerksam gemacht. So finden wir sie dicht gedrängt auf einem Ast im Buchenwald.
Kitschig? Kann sein. Aber genauso ist es gewesen!






