Text und Filme von Andrea Caviezel

Wie Frederick, die Maus, für den Winter Sonnenstrahlen, Farben und Wörter für Poesie und Gedichte sammelt, ernte ich Erlebnisse und Eindrücke des Sommers. Meine „Sommerernte“. Frederick und ich sammeln „das Glück des Sommers für graue Tage“.

Ich glaube, ich habe nie mehr „gesehen“ als in diesem Sommer! Und trotzdem oder gerade deswegen muss ich an ein Wort denken, dem ich im letzten Jahr zum ersten Mal begegnet bin. Es mag naiv erscheinen, aber dem Wort Aussterbeschuld begegne ich erstmals auf der zweiten internationalen Schwarzstorch-Tagung in Kronenburg.

Die Bedeutung des Wortes macht mich unglaublich betroffen, denn es beinhaltet, dass wir mit unseren heroischen Versuchen, Arten zu schützen und zu erhalten, stets nicht nur einen, sondern gleich mehrere Schritte hinterherhinken.

„Aussterbeschuld beschreibt das Phänomen, dass Populationen bzw. Arten nicht sofort nach Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen verschwinden, sondern oft erst mit deutlicher Zeitverzögerung. ‚Schuld‘ ist hier also nicht im Sinne einer Verantwortlichkeit zu verstehen, sondern als ‚Rückstand‘ bzw. ‚Verzug‘. Die Gründe für das Auftreten einer Aussterbeschuld können sehr unterschiedlich sein. Im einfachsten Fall pflanzt sich eine langlebige Art nicht mehr erfolgreich fort oder zumindest nicht in dem Umfang, wie es für den dauerhaften Fortbestand der Population erforderlich wäre. Ein Zeitversatz zwischen Auftreten einer Umweltveränderung und dem Aussterben von Arten kann dazu führen, dass die Ursache von Bestandsrückgängen nicht erkannt wird oder gar falsche Schlüsse für den Naturschutz gezogen werden. Dies ist oft bei schleichenden Veränderungen der Fall, beispielsweise bei der langsamen Abnahme der Habitatqualität. Im ungünstigen Fall wird die eigentliche Ursache nicht als solche in Betracht gezogen, weil sie schon mehrere Jahre oder Jahrzehnte zuvor gewirkt hat“
(Quelle: Naturschutz und Landschaftsplanung)

Darüber denke ich viel nach. Ja, Buntspecht, Eichhörnchen und Rehe gibt es viele. Sie umgeben uns ständig und wir nehmen sie oft nicht bewusst wahr. Für unsere gefährdeten Eulen und deren Lebensraumerhalt setzen wir uns unermüdlich ein. Aber wir können gar nicht früh genug damit beginnen, aufmerksam die Arten zu schützen, welche wir für selbstverständlich halten, sonst kann ich Euch für „die grauen Tage“ irgendwann nichts mehr erzählen.

Das Shifting-Baseline-Syndrom bezeichnet eine psychologisch-soziologische Wahrnehmungsverschiebung, bei der schleichende Umweltveränderungen über Generationen hinweg als neue Normalität akzeptiert werden.

„Fehlen lässt sich schwerer nachvollziehen und spüren als Vorhandensein. Die Geister vergangener Vögel verschwinden schnell aus der Erinnerung. Das Shifting-Baseline-Syndrom gewöhnt uns an dürftigere Himmel. So muss es nicht sein – aber wir werden nicht bewahren, was wir nicht lieben, und wir lieben selten, was wir nicht benennen können. Bemerken ist der erste Schritt zum Benennen; Benennen der erste Schritt zum Erkennen von Dingen wie auch den Beziehungen zwischen ihnen. Erkennen kann zu Staunen führen, Staunen zu Sorge, Sorge zu Handeln, Handeln zu Veränderung.“
(Aus „Das Buch der Vögel“ von Jackie Morris und Robert Macfarlane)