Nach Angaben des bayerischen Landesbundes für Vogelschutz (LBV) gibt es derzeit hohen Besuch im Freistaat. Am weißblauen Himmel wurden in den vergangenen Tagen an mindestens fünf Orten Gänsegeier beobachtet: bei Bayreuth, im Oberallgäu, im Landkreis Fürstenfeldbruck, am Ammersee und im Karwendelgebirge. Die Gänsegeier stammen vermutlich aus Südeuropa, höchstwahrscheinlich aus dem Friaul, Kroatien oder aus dem Südosten Frankreichs. Bei den Gästen dürfte es sich um vagabundierende junge Gänsegeier auf Nahrungssuche handeln. Pro Tag legen Gänsegeier mühelos Flugstrecken von 300 bis 400 Kilometer zurück. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,70 Meter sind Gänsegeier größer als See- und Steinadler.

Gänsegeier sind eine seltene Erscheinung in Bayern. 1.150 Windenergieanlagen ragen in den Himmel des Freistaates und damit in den Flugraum der seltenen Vögel. Bis zum Jahr 2030 sollen 1.000 Windenergieanlagen hinzukommen. Dabei sind die Risiken für viele Vogelarten, an den Rotoren zu verunglücken, bereits hoch. Vor wenigen Tagen, am 14. Juni 2026, kollidierte ausgerechnet einer der seltenen Gänsegeier an einer Windenergieanlage bei Mindelheim im Unterallgäu. Der Rotor hatte dem Geier Beine und Hinterleib abgetrennt. Das gleiche Schicksal ereilte einen Gänsegeier 2022 im Landkreis Starnberg.

Der LBV-Vorsitzende der Kreisgruppe Unterallgäu fordert „bessere Schutzmaßnahmen für Greifvögel an Windrädern“. Wie ein solcher Schutz, zumal für unvorhersehbar und ungeplant aufkreuzende Gänsegeier, erreicht werden soll, ist unklar. Ein auch nur ansatzweise funktionierender Schutz ist praktisch illusorisch. Einen Stopp des Windenergieausbaus fordern die Vogelschützer im LBV wie auch BUND und NABU nicht. Zu sehr hängt man am Narrativ einer naturverträglichen Energieerzeugung und der Vorstellung, der Schutz der Biodiversität und der Ausbau der Windenergiewirtschaft würden einander bedingen. Der Wunsch ersetzt die Wirklichkeit. Der bayerische Ministerpräsident umarmt Bäume, vermutlich auch Windenergieanlagen, aber keine Geier. So möchte man den Gänsegeiern keinen Einflug nach Deutschland empfehlen, nicht einmal nach Bayern.