Das Unglück nahm seinen Lauf mit einem Anruf von Herrn Wollsiefer, dass es in seinem Schleiereulenkasten rumort und eine Jungeule abgestürzt am Fuß der Scheunenwand kauere. Ich organisierte eine Kontrolle des Kastens und traf mich am Nachmittag mit Claudia und Johannes in besagter Scheune.
Ein mit warmem Wasser gefüllter Gummihandschuh diente zusammen mit einem Handtuch als Wärmespender für die mittlerweile sehr ausgekühlte Jungeule, die Herr Wollsiefer auf den Heuballen gelagert hatte. Mutig traute sich Claudia die steile Leiter hoch zum Eulenkasten. Vier weitere Jungvögel saßen darin und konnten von Claudia in einem Rucksack nach unten gebracht werden. Es sollte ihre erste Schleiereulenberingung werden und sie machte das sehr gut. Die Küken waren keine Wonneproppen, aber agil waren sie alle. Nachdem sich die vier beringten Eulenküken wieder im Kasten befanden, packten wir einigermaßen zufrieden unsere sieben Sachen. Claudia und ich brachten den havarierten Jungvogel noch zu einer Pflegestation. Durch die Wärme schien er tatsächlich leicht erholt, doch am nächsten Tag erhielt ich die Nachricht, dass er noch am Abend gestorben war. Und dies war leider noch nicht genug des Unglücks.
Zwei Tage später rief Herr Wollsiefer erneut an und berichtete von einer weiteren abgestürzten Jungeule. Johannes wohnte am nächsten dran, eilte zur Scheune und brachte auch den zweiten Unglücksvogel zu einer Pflegestation. Auch er verstarb nur wenig später. Die Vorfälle ließen mir keine Ruhe mehr. Johanners, Claudia und ich verständigten uns darauf, die übrigen drei Jungeulen zu evakuieren. Auch Herr Wollsiefer stimmte dem zu. Johannes schnappte sich einen Karton, eilte zum Eulenkasten und brachte die übrigen drei Eulenküken zu uns nach Hause. Der Karton sollte die nächsten Tage noch die Behausung der Drei bleiben.
Die meisten der von Rita angebotenen Mäuse blieben in den ersten Tagen unangetastet. Eine Maus pro Vogel war alles, was zunächst verzehrt wurde. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Eulenküken schon länger auf Sparflamme gelebt haben, dass einem der Elternvögel etwas zugestoßen war, oder möglicherweise die von den Alteulen angeflogenen Nahrungsflächen unter den Pflug genommen wurden und die überlebenden Mäuse nicht mehr ausreichten, die Eulenbrut zu versorgen. Leider alles nur Spekulation! Doch langsam wurde der Appetit unserer Schützlinge wieder größer.
Der Verzehr von vier Mäusen pro Tag und Eule war für uns das Zeichen, die nächste Etappe der Eulenrettung einzuleiten. Die Fahrt ging zur Familie Drolshagen. Sie verfügt über einen Eulenkasten, der fußläufig gut erreichbar ist und uns schon des öfteren zur Auswilderung verwaister Jungeulen gedient hat. Die Freude bei Drolshagens war groß, als wir mal wieder neue Eulen brachten. Nur, diesmal bestand das mitgebrachte Futter in Ermangelung von Mäusen aus Eintagsküken. Den Dreien wars egal, Hauptsache etwas zu fressen.
Schon beim Gang über den Hof zur Scheune beginnt Frau Drolshagen mit ihren Schützlingen zu reden, damit sie darauf vorbereitet sind, dass sich gleich der Deckel zu Fütterung öffnen wird. Sie haben das schnell gelernt und obwohl sie mittlerweile längst zu flugfähigen Eulen herangewachsen sind, gab es nie Fluchtversuche. Sie machen das gut, die Drei. In der Abenddämmerung verlassen sie den schützenden Kasten und am Morgen sind sie meistens wieder da, mal zwei, mal alle drei.
Zwei sind weiß, aber die jüngste, die mit der brauner Morphe ist augenscheinlich ein Weibchen. Sie ist es auch, die es sich traut den Tag hin und wieder außer Haus zu verdösen. Bei den Uhus ist das auch so, die Weibchen sind die Draufgänger. Sie machen das gut, die Drei. Ihr Futter holen sie sich immer noch im Kasten, gewinnen so Zeit sich in der Wildbahn zurechtzufinden. Dies ist die höchste Hürde die sie noch überwinden müssen um selbstständig zu werden. Das Herumwuseln von Eintagsküken in der Wildnis dürfte sich in Grenzen halten. Deshalb haben wir beim Futter auf Mäuse umgestellt, auf weiße allerdings!






